Westfälische Nachrichten, 23.03.2018 (von Frank Klausmeyer)

IHK Projekt Gesamtschule kooperiert mit fuenf namhaften Unternehmen Das ist ein Gluecksfall fuer uns image 1024 width
Eine Urkunde für ihre Unterschrift beim IHK-Projekt „Partnerschaft Schule-Betrieb“ haben am Freitag von links: Thomas Kaup (Honeywell Kromschröder), Katharina Fricke (Echterhoff), Carolin Möller (Hagebau), Nadine Brand (Lidl) und René Hüggelmeier (Amazonen-Werke) bekommen. Fünf Kooperationsvereinbarungen an einem Tag habe es bisher im Kreis Steinfurt nicht gegeben, berichtete Inna Gabler (rechts) von der IHK. Schulleiter Manfred Stalz (2. von links) und Thorsten Freese, Koordinator für Berufsorientierung an der Gesamtschule, freuen sich auf die Zusammenarbeit mit den Firmen. Foto: IHK

Viele Betriebe geben als größte Gefahr für eine weiterhin positive Geschäftsentwicklung den Fachkräftemangel an. Vor diesem Hintergrund gab es am Freitag einen bemerkenswerten Termin in Westerkappeln. Gleich fünf namhafte Unternehmen aus der Region haben im Rahmen des IHK-Projekts „Partnerschaft Schule-Betrieb“ eine Kooperationsvereinbarung mit der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln unterzeichnet. Schulleiter Manfred Stalz: „Das ist ein Glücksfall für uns“.

Die Wirtschaft brummt. Und trotzdem haben viele Unternehmen Sorgen. Denn der Mangel an Fachkräften wird zunehmend ein Risiko. Laut einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord-Westfalen nennen sogar 81 Prozent der Baubetriebe ihn als größte Gefahr für eine weiterhin positive Geschäftsentwicklung. Vor diesem Hintergrund gab es am Freitag einen bemerkenswerten Termin in Westerkappeln. Gleich fünf namhafte Unternehmen aus der Region haben im Rahmen des IHK-Projekts „Partnerschaft Schule-Betrieb“ eine Kooperationsvereinbarung mit der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln unterzeichnet. 

„Das ist eine Win-Win-Situation“, findet René Hüggelmeier, Personalleiter der Amazonen-Werke in Hasbergen. In der jüngeren Vergangenheit habe der Landmaschinen-Hersteller „etliche Azubis“ durch solche Kooperationen gewinnen können. Nicht anders ist die Motivation für die vier weiteren neuen Kooperationspartner der Gesamtschule, die da sind das Bauunternehmen Echterhoff, die Hagebau Logistik sowie die Lidl Vertriebs-GmbH & Co. KG (alle aus Velpe) sowie Honeywell Kromschröder in Lotte-Büren.

Zusammen bieten die fünf Unternehmen in der Region über 5600 Arbeitsplätze, darunter rund 440 Auszubildende. Die höchste Ausbildungsquote der fünf Firmen hat mit etwa zehn Prozent die Bauunternehmung Echterhoff. Und vielleicht auch die größten Probleme, alle Stellen zu besetzen, „insbesondere im gewerblich-technischen Bereich“, wie Ausbildungsleiterin Katharina Fricke erläutert. Bei Wind und Wetter auf dem Bau und nicht selten auf Montage zu arbeiten, gilt vielen nicht als Traumberuf, obwohl die Ausbildungsvergütung in der Branche recht ansehnlich ist.

Carolin Möller, Personalreferentin bei Hagebau, hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Bewerbungen zum Groß- und Außenhandelskaufmann gebe es genug, Fachlagerist wollten nur die wenigsten werden.

Der Verdienst stehe nicht unbedingt im Vordergrund bei den jungen Leuten, sagt auch Nadine Brand, Aus- und Weiterbildungsleiterin der Lidl-Regionalgesellschaft in Velpe. „Die wollen Spaß an der Arbeit haben.“

Dem versucht man beim Gaszähler-Hersteller Honeywell (Elster) Kromschröder unter anderem durch gemeinschaftsfördernde Aktionen gleich zu Beginn der Lehre Rechnung zu zollen, erzählt Ausbildungsleiter Thomas Kaup.

Während die Firmen die Fachkräfte von morgen im Blick haben, verfolgt das IHK-Projekt auf der anderen Seite das Ziel, Schülerinnen und Schülern eine Berufsorientierung zu geben. Obwohl die im Aufbau befindliche Gesamtschule erst bis zur Jahrgangsstufe 8 reicht, gebe es schon jetzt Schüler, die sich fragten, was sie später machen sollten, berichtet Thorsten Freese, Koordinator für die Berufs- und Studienorientierung. „Viele wissen oft gar nicht, was hinter den Firmentoren passiert.“ Durch die Kooperation mit den Betrieben lasse sich solches Unwissen sicher beheben, hofft Freese, der nach eigenen Worten schon viele Ideen für die künftige Zusammenarbeit hat.

Schulleiter Manfred Stalz spricht im Zusammenhang mit dem IHK-Projekt von einem „Glücksfall“ für die Schule, die pro Jahrgang 140 bis 150 Schüler aufnimmt, von denen erfahrungsgemäß jeweils 50 bis 60 Prozent kein Abitur an der Schule machen würden, sondern ins Berufsleben starteten.

„Wir versprechen uns viel von der Kooperation“, sagt Katharina Fricke mit Hinweis auf die positiven Erfahrungen aus der gleich gelagerten Projektpartnerschaft mit der Gemeinschaftshauptschule (GHS) Lotte, die die Gesamtschule jetzt ebenso beerbt, wie Kooperationen mit der ebenfalls auslaufen Realschule Westerkappeln.

Die Lehrstellen zu besetzen, ist eine Schwierigkeit für die Unternehmen, die ausgebildeten Fachkräfte zu behalten, eine andere: Die steigende Akademisierung – von der Politik gewünscht – bewertet Hüggelmeier als Problem. Die jungen Leute wollten sich weiterentwickeln. „Dieses Jahr haben wir nicht einen Mechatroniker gehabt, der in die Produktion geht“, klagt der Amazonen-Personalchef. „Vor allem da gehen uns die Fachkräfte aus.“ Zumal: Schon in den Berufsschulen würden die Azubis angesprochen, ob sie nicht den Techniker machen wollten, „damit die ihre Klassen voll kriegen.“

„Das Problem löst sich irgendwann von selbst“, ist Thomas Kaup überzeugt. Ein Industriemechaniker werde bald mehr verdienen als ein Techniker, weil es von letztgenannten Fachleuten zu viele gibt. „Am liebsten sind mir die Studienabbrecher“, meint Kaup. Denn die hätten ihre Erfahrungen mit der vermeintlichen Höherqualifizierung schon gemacht.

Große Unternehmen richten bei der Suche nach Fachkräften ihren Blick freilich nicht nur auf Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss. Auch Abiturienten sind gefragt. Hagebau, Lidl und Amazonen-Werke bieten für sie zudem duale Studiengänge an.

Die Gesamtschule Lotte-Westerkappeln ist eine sogenannten Schule des gemeinsamen Lernens. Das heißt, sie unterrichtet auch Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Für diese junge Menschen gebe es in ihren Unternehmen Ausbildungsplätze mit weniger hohen Anforderungen, betonen Fricke und Kaup unisono.

Wenn Industrie, Handel und Handwerk von mangelnder Ausbildungsreife sprechen, gehe es gar nicht um Zeugnisnoten, gibt Nadine Brand zu bedenken: „Oft fehlt die Einstellung.“ Pünktlich morgens um 6 Uhr da zu sein und dann den ganzen Tag zu arbeiten, falle vielen offenbar schwer.