Westfälische Nachrichten, 31.01.2018 (von Frank Klausmeyer)

Gesamtschule Lotte Westerkappeln Gespraech mit der Schulleitung Wir haben wahnsinnig gute Voraussetzungen image 630 420f wnVor vier Jahren ist die Gesamtschule Lotte-Westerkappeln an den Start gegangen. Und sie hat sich prima entwickelt, finden die Schulleiter Manfred Stalz und Stefan Verlemann. „Die Gesamtschule ist für alle Kinder geeignet, egal mit welcher Empfehlung“, betonen Schulleiter Manfred Stalz und sein Stellvertreter Stefan Verlemann. Foto: Christoph Pieper

 
Die Gesamtschule Lotte-Westerkappeln ist mit derzeit 574 Schülerinnen und Schülern mittlerweile die größte weiterführende Schule in beiden Gemeinden. Wo steht die Schule ? Wie sieht die Zukunft aus – auch digital ? Über diese Fragen und mehr haben wir mit Schulleiter Manfred Stalz (56) und seinem Stellvertreter Stefan Verlemann (41) gesprochen.
 

Herr Stalz, wir schreiben das Jahr 4 der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln. In diesem Alter sollte das Kind richtig gut laufen können. Oder ist es noch wacklig auf den Beinen?

Manfred Stalz: Nein, es läuft richtig gut, wenngleich die Schule noch lange nicht erwachsen ist. Dafür haben wir noch fünfeinhalb Jahre Entwicklungszeit vor uns. Wir sind aber sehr zufrieden mit den ersten dreieinhalb Jahren.

Um in diesem Bild zu bleiben: Die Gesamtschule ist mit zwei Standorten ja ziemlich breitbeinig aufgestellt. Wäre Ihnen ein einziger Standort nicht doch lieber ? Es gibt doch sicher mehr Reibungsverluste. Und nach meiner Ansicht wäre das vielleicht auch identitätsstiftender.

Stalz: Alles hat seine Vor- und Nachteile. Da ich von Anfang an wusste, auf was ich mich bei diesen beiden Gemeinden einlasse, habe ich natürlich die Vorteile von zwei Standorten gesehen. Es gibt so zwei kleinere Systeme mit dann am Ende zweimal gut 500 Kindern. Da fällt es den Schülern – glaube ich – leichter zu lernen als in einem Riesensystem mit über 1000 Schülern. Und wir sind schon der Meinung, dass wir die eine Identität auch mit zwei Standorten schaffen können.

Ist es das letzte Wort, dass die Oberstufe in Westerkappeln eingerichtet wird ? Zunächst war ja Wersen dafür vorgesehen.

Stalz: Ich bin ganz sicher, dass das das letzte Wort ist. Hier in Westerkappeln wird ja ein neues Oberstufengebäude gebaut. Wersen ist mit allen Räumen komplett verplant für die Jahrgänge 8 bis 10. Das ist endgültig.

Haben Sie überhaupt das Personal, das die Schülerinnen und Schüler erfolgreich auf das Abitur vorbereiten kann?

Stalz : Selbstverständlich ! Wir haben im Endausbau etwa 50 Gymnasiallehrerinnen und -lehrer. Bei den Gesamtschulen ist das eine Quote von 45 bis 50 Prozent. Mit den Kollegen können wir in der Oberstufe dann ein breites Fächerangebot machen.

Voraussichtlich müssen Sie mit der Oberstufe eines Gymnasiums kooperieren. Haben Sie da schon potenzielle Partner ins Auge gefasst?

Stalz: Das Gymnasium in Mettingen hat ja eine neue Schulleiterin. Wir haben uns in den ersten Wochen nach ihrem Amtsantritt hier am Tisch getroffen und schon mal angedacht, wie wir möglicherweise zusammenarbeiten können. Das ist für uns zwar noch ein weiter Weg. Das erste Kennenlernen stimmt uns zuversichtlich, dass wir es hinbekommen, im Interesse der Schülerinnen und Schüler bei einigen Fächern zu kooperieren, um das Wahlangebot für beide Schulen zu erhöhen.

Kommt das KvG-Gymnasium denn überhaupt in Frage? Das ist doch eine Schule in privater Trägerschaft.

Stalz: Das spielt für die Oberstufenkooperation überhaupt keine Rolle, weil für die Oberstufen privater Träger die gleichen gesetzlichen Bestimmungen wie für alle anderen Gymnasien gelten.

Mal den Blick auf alle Kinder gerichtet: Für wen ist die Gesamtschule denn geeignet?

Stalz: Die Grundschulen empfehlen ja nicht umsonst neben den Formen des dreigliedrigen Schulsystems immer auch die Gesamtschule. Diese ist für alle Kinder geeignet, weil sie differenzierte Angebote und Schullaufbahnen ermöglicht.

Bei Infoveranstaltungen der Gymnasien wird immer wieder betont, dass Kinder mit einer klaren Gymnasialempfehlung auf ein Gymnasium und nicht auf eine Gesamtschule gehören. Was sagen Sie dazu?

Stalz: Mit der Erfahrung der bisherigen Jahrgänge haben wir einen erheblichen Anteil von Schülern mit Gymnasialempfehlung. Gerade die guten und sehr guten Schüler profitieren von unserem Konzept. Es gibt regelmäßige Lernentwicklungsgespräche, die zeigen, dass die Kinder einen großen Ehrgeiz haben, an ihre Grenzen zu kommen. Sie wollen gefordert werden. Wir versuchen, unsere Angebote genau auf diese Kinder abzustimmen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die leistungsstarken Kinder sich vielleicht doch am Ende langweilen, weil sie sich unterfordert fühlen?

Stalz: Das passiert immer dann, wenn alle Schüler zur gleichen Zeit das Gleiche machen müssen. Dann sind die einen unterfordert, die anderen überfordert und am Ende alle unzufrieden. Wir in der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln setzen konsequent auf die individuelle Förderung. Konkret bedeutet das, dass keine Unterrichtsstunde von den Kindern das Gleiche abverlangt; angefangen bei den Arbeitsblättern über die Hausaufgaben bis hin zu den Klassenarbeiten. Es gibt immer verschiedene Niveaustufen. Später – ab Klasse 8, 9, 10 – wird auch äußerlich differenziert. Dann gibt es verschiedene Kurse – fast schon so wie in der Oberstufe, wo die Kinder dann speziell auf ihre Abschlüsse hinarbeiten.

Es gibt Eltern, die meinen, dass ihr Kind immer etwas Druck braucht, um zu lernen und deshalb am Gymnasium besser aufgehoben ist.

Stalz: Wenn damit gemeint ist, dass ein leistungsstarkes Kind anspruchsvolle Herausforderungen braucht, ist das richtig. Diesen Anspruch haben wir im Rahmen unseres individuellen Förderungskonzeptes. Die Eltern haben aber erwiesenermaßen nicht recht, wenn sie meinen, dass ihr Kind ständigem Leistungsdruck und Konkurrenz ausgesetzt sein muss. Lernpsychologisch ist das eher schädlich.

Wie und wo lässt sich die Gesamtschule denn im gängigen dreigliedrigen Schulsystem mit Haupt- und Realschule und Gymnasium einordnen?

Stefan Verlemann: Überhaupt nicht ! Wir haben einen ganz anderen Ansatz. Wir denken nicht vom Abschluss her und ob das Kind dazu passt, sondern wir bieten alle Abschlüsse und den Kindern verschiedene Wege dorthin. Wir schauen, mit welchen Talenten, Forder- und Förderbedarfen das Kind kommt und überlegen, wie wir es zum bestmöglichen Abschluss führen. Da sind auch Umwege möglich, die es im dreigliedrigen Schulsystem so nicht gibt. Dort müssen nicht wenige Kinder die Schule verlassen, weil sie den angestrebten Abschluss nicht erreichen. Wir nehmen bis zum ersten Abschluss alle mit und führen viele auch bis zum Abitur.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, erklärt in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Frage der richtigen Schulstruktur für beantwortet. Alle Schulleistungsstudien im innerdeutschen Vergleich würden belegen, dass Einheitsschulen, also Gesamtschulen, miserabel abgeschnitten hätten, weil es hinter dem liege, was beispielsweise Gymnasien, Realschulen und zum Teil auch Hauptschulen leisteten, obwohl Gesamtschulen um 30 Prozent besser ausgestattet seien. Starker Tobak, wie ich finde.

Stalz: Vor allem ist es falsch! Gesamtschulen sind nicht 30 Prozent besser ausgestattet. Für alle Schulen gelten laut Gesetz die gleichen Ausstattungsmöglichkeiten. Ich weiß auch nicht, welche Studien Herr Kraus da zitiert. Mir sind die nicht bekannt. Ich weiß als langjähriger Leiter einer gymnasialen Oberstufe an einer Gesamtschule aus eigener Erfahrung, dass dort Schüler zum Abitur geführt wurden, die es am Gymnasium vielleicht nie geschafft hätten. Und zwar nicht deshalb, weil das Niveau niedriger war, sondern deshalb, weil sie so gefördert wurden. In der Oberstufe werden – egal ob Gymnasium oder Gesamtschule – die gleichen Anforderungen bei den zentralen Abschlussprüfungen gestellt. Man kann natürlich sagen, die Durchschnittsnoten beim Abitur an der Gesamtschule sind schlechter. Das ist richtig. Das liegt aber daran, dass wir viele Kinder haben, die am Gymnasium den Abschluss nie schaffen würden.

Verlemann: Man muss auch die Verbindung zwischen Eingangsvoraussetzungen und Abschlüssen herstellen. Denn viele unserer Schüler würden aufgrund ihrer Grundschulempfehlung ein normales Gymnasium gar nicht besuchen. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Stalz: Es gibt auch Studien, denen zufolge Gymnasien den geringsten Lernzuwachs haben. Das sieht man auch in internationalen Vergleichen. Ein anderer Faktor ist noch, dass Gesamtschule niemals gleich Gesamtschule ist. In den Ballungszentren haben die keine Chance mit den dortigen Gymnasien zu konkurrieren. Und es gibt die Gesamtschulen im ländlichen Bereich, die wie wir hier supergute Voraussetzungen bieten. „Die Gesamtschule ist für alle Kinder geeignet, egal mit welcher Empfehlung“, betonen Schulleiter Manfred Stalz (rechts) und sein Stellvertreter Stefan Verlemann. Foto: Frank Klausmeyer

Vom Schulträger bekommt die Gesamtschule große Unterstützung. Für die Einrichtung der Oberstufe investiert die Gemeinde Westerkappeln demnächst Millionen. Sind damit all ihre Wünsche erfüllt?

Stalz: Schulentwicklung ist ja niemals am Ende. Wir wissen ja auch nicht, welche Vorgaben beispielsweise der Gesetzgeber in Zukunft macht. Zunächst aber einmal haben wir wahnsinnig gute Startvoraussetzungen. Beide Gemeinden tun alles, was möglich ist. Das ist toll.

Verlemann: Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wir können als Schule pädagogisch gute Arbeit leisten, es geht aber auch immer um den Lebensraum Schule, in dem man sich wohl fühlen möchte, weil man als Kind und Jugendlicher hier einen großen Teil seiner Zeit verbringt. Wenn man dann einen Schulträger im Rücken hat, der das erkennt und in die Schule über die pädagogischen Anforderungen hinaus mal einen Euro mehr investiert, ist das gut. Das gibt für viele Eltern den Ausschlag bei der Anmeldung – unabhängig von der Schulformempfehlung.

Wie sieht es denn mit der digitalen Infrastruktur aus? Nach letztem Stand gibt es keinen Glasfaseranschluss für die Gesamtschule. Finden Sie das bedauerlich?

Stalz: Wenn es dabei bleibt, ja. Ich bin aber zuversichtlich, dass es noch eine Lösung geben wird, gerade mit Blick auf die gymnasiale Oberstufe. Es funktioniert auch jetzt, aber wenn ganz viele Nutzer im Internet sind, natürlich nicht so schnell, wie wir uns das wünschen. Die Gemeinde hat aber einen sehr guten Schritt gemacht, indem wir nicht nur die Informatikräume haben, sondern jeder Jahrgang auch einen Wagen mit 30 Laptops hat.

Ich halte es schon für einen Treppenwitz, dass der letzte Bauernhof in Seeste demnächst mit staatlicher Förderung einen Glasfaseranschluss bekommen soll, für die Schule ist aber kein Geld da – oder?

Verlemann: Ich glaube, dass auf Dauer hier etwas passieren muss, denn bei einer Schule mit zwei Standorten, wo die Schule weggeht vom Festplattenspeicher hin zu Cloud-Lösungen und wo Schüler und Lehrer – egal an welchem Standort – auf Daten zugreifen müssen, eine schnelle Internetverbindung da sein muss. In Wersen gibt es in Kürze den Glasfaseranschluss.

Bildung 4.0 ist ja auch ein Schlagwort. Ein Fachmann sagte mir letztens, dass ein IT-Manager für die Schulen künftig wichtiger sein wird als der Hausmeister. Wann stellen Sie jemanden ein?

Verlemann: Ich glaube auch, dass das nur mit einem IT-Manager von extern nicht funktionieren wird. Es spielen ja auch pädagogische Aspekte eine Rolle, weshalb es sinnvoll ist, dass man jemanden im System hat, der sich mit beiden Seiten auskennt. Ein bisschen ist das hier auch meine Rolle. Man muss aber zudem immer wieder externe Kompetenz heranziehen. Meine persönliche Meinung ist, dass wir in Richtung Vernetzung und Cloud-Lösungen gehen müssen, damit die Arbeit nicht mehr davon abhängt, in welchem Raum man sitzt.

Stalz: Im Moment ist das so, dass man bei Problemen jemanden von außerhalb anruft, weil beispielsweise das Internet nicht geht. Der löst das dann auch vielleicht in kurzer Zeit. Die eine Schulstunde ist dann unter Umständen aber weg. Da wäre dann schon besser, wenn man jemanden im Hause hätte. Aber der eigentliche Hausmeister wird natürlich nicht ersetzt.

Eine noch zum Schluss: Am Freitag beginnen die Anmeldetage. Müssen sich Eltern wieder auf Absagen einstellen?

Stalz: Das ist immer eine spannende Frage, wie viele Anmeldungen kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt haben knapp über 100 Eltern Gesprächstermine vereinbart. Das bewegt sich so im Rahmen der vergangenen Jahre. Wir hoffen natürlich, dass wir alle Interessenten aufnehmen können, es ist aber auch nicht auszuschließen, dass es wieder mehr Bewerber als Plätze gibt.

Schüler für die Klassen 5 können zu folgenden Zeiten an der Gesamtschule angemeldet werden können: Am Freitag, 2. Februar, sowie vom 6. bis 8. Februar, Dienstag bis Donnerstag, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Die Anmeldungen sind sowohl im Sekretariat der Gesamtschule am Wersener Standort (Am Herrengarten 20), als auch im Sekretariat der Gesamtschule in Westerkappeln (Osnabrücker Straße 25) möglich.

Mitzubringen sind unter anderem das Halbjahreszeugnis der Grundschule, vier Anmeldescheine der Grundschule, das Familienstammbuch sowie der ausgefüllte Anmeldebogen der Gesamtschule (Download unter: www.gesamtschule-lowe.de). Auch das Kind sollte bei der Anmeldung dabei sein.